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25.04.2000 BASTARD   MAILING   LIST   © Florian Schiel
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Virus on Sale
Help Desk weiter 
Lunch Talk
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Der Chef hat seine Sorge ausgedrückt, daß unsere Rechner eventuell nicht sicher genug seien. Ich solle mich doch bitte darum kümmern, daß keine '... äh ... ungebetenen ... ähm ... ungebetenen Gäste oder ... hmm ... gar Studenten oder ... hrrrm ... sogar ... äh ... Hacker hier eindringen, nicht wahr?' 
Gleich nach dem täglichen Routine-Scan der User-Email lösche ich daher sämtliche ausführbaren Programme in den User-Accounts und poste eine message an alle, daß der Chef sich Sorgen um die Datensicherheit mache, und daß die größte Virenquelle - wie jeder wisse - in eingespielten Spielprogrammen und Dokumenten liege, und daß von nun an jegliche Benutzung fremder Binaries mit dreifachem Formular bei Frau Bezelmann beantragt und von mir höchstpersönlich genehmigt werden müsse. 
Während noch allgemeines Heulen und Zähneklappern wegen der ganzen gelöschten Moorhühner und Mahjonngs durch den LEERstuhl hallen, fahre ich ich die Schutzschilde hoch und richte mich auf einen gemütlichen Vormittag mit 'Deep Dungeon 9.4' ein. Kaum bin ich auf dem fünften Level, da läutet das Telefon. Normalerweise würde ich so was meiner Voice Mail überlassen ("Sie haben die Bastard Hot Mail from Hell erreicht. Nach dem Piepston haben Sie noch genau 14 Sekunden Zeit, Ihre Daten zu retten, bevor Ihr Account automatisch gelöscht wird. Rufen Sie diese Nummer bitte nie wieder an! PIEPS!"), aber heute signalisiert mir der spezielle Klingelton, daß es sich um einen Anruf an die Cray Hotline des Rechenzentrums handelt, den mein kleiner Dämon (gestern Nacht ins Telefonsystem eingespielt) auf meinen Anschluß umgelenkt hat. Verantwortlicher für eine Cray oder besser noch für eine ganze Batterie von Crays zu sein, war schon immer mein Wunschtraum! Schließlich verschieben sich da nochmal ganz gewaltig die Dimensionen: So eine Cray manipuliert tausendmal mehr Daten tausendmal schneller als eine popelige Linux-Workstation. Logischerweise kann ein geschickter Assistent damit auch tausendmal mehr Schaden anrichten (in der gleichen Zeit, meine ich natürlich!). Ich schalte also Deep Dungeon auf hold und hebe ab.
"Hallo?" sage ich zuckersüß. "Cray Help Desk, wie kann ich Ihnen helfen?" 
"Ah ... gut daß ich gleich jemanden erreiche ..." 
Der Anrufer klingt einigermaßen überrascht, woraus ich schließe, daß die Kollegen im Rechenzentrum normalerweise auch besseres zu tun haben, als blöde Fragen am Telefon zu beantworten. 
"... äh ... ich habe heute Nacht auf der Cray 3 einen neuen Hub gestartet und mir heute morgen die vorläufigen Ergebnisse ausgeben lassen ... Gibt es einen Grund, warum die Maschine nur zu 56% ausgelastet ist?" 
Ich habe den Ausredenkalender schon längst aufgerufen, aber irgendwie klappt heute die Verbindung nach USA nicht so schnell wie sonst; ich bekomme einfach keine Antwort. Auf nix kann man sich mehr verlassen! Also muß ich schnell etwas improvisieren: 
"Ja, das muß an der ... äh ... erhöhten CIA-Abgabe liegen ..." 
"CIA?" 
"Ja, Sie wissen schon ... der CIA scant doch routinemäßig den ganzen Internet-Verkehr nach Schlüsselwörtern und seit neuestem auch noch die ganzen Handy-Kanäle ..." 
"Schon, aber was ..." 
"... und jeder größere Netzknoten im Internet muß zu diesem Zwecke den CIA Rechner-Ressourcen kostenlos zur Verfügung stellen." 
"Ach so, stimmt! Davon hab' ich auch schon gehört ..." 
Was für ein Klugscheißer! 
"Heute nacht war eben die Cray 3 dran", fahre ich wichtig fort. "Das erklärt natürlich die niedrige Auslastung, weil die CIA-Prozesse haben immer höchste Prio ... hmm ...", ich klappere ein wenig mit dem Keyboard, "... ich checke gerade die Memory-Auslastung auf der Cray 3. Wieviel hatten Sie denn in Ihrem Prozeß?" 
"Wieviel Memory? Oh ... äh ... ich schätze, so etwa 600 Megabyte ..." 
"Tja, das schaut schlecht aus. Könnte sein, daß die CIA da kurz drübergebügelt hat, als heute morgen so gegen vier in neunzehn Emails gleichzeitig das Wort 'Sahnehäubchen' vorkam ..." 
"Was? 'Sahnehäubchen'?!" 
"Deckwort für einen taktischen Atomsprengkopf, soviel ich weiß. Die CIA-Leute werden da immer ganz nervös, wenn so was passiert ... Wissen Sie was? Sie sollten sicherheitshalber mal alle Ihre Daten nach dem Wort 'Sahnehäubchen' scannen. Wenn Sie das irgendwo finden, können Sie die Daten gleich wegschmeißen ..." 
"Nach 'Sahnehäubchen' suchen? Aber ... aber das kann ja Stunden dauern ... Ich habe über 2einhalb TeraByte Simulationsdaten ..." 
Ich liebe Cray-User! 
"Tja, Sie können es ja auch bleiben lassen", sage ich beiläufig, "aber wenn dann in Ihrer Dissertation irgendwas Komisches auftaucht und irgendein Gutachter findet in den Daten das Wort 'Sahnehäubchen' ..." 
"Ok, ok", sagt er hastig, "ich scanne die Daten ..." 
"Sehr weise! Geben Sie mir mal schnell Ihre email Adresse; dann schicke ich Ihnen den Rest der Liste rüber." 
"Welchen Rest der Liste?" 
"Na, die Wörter, nach denen Sie auch noch scannen müssen! Glauben Sie, der CIA sucht nur nach 'Sahnehäubchen'?!" 
Er gibt mir die Adresse, und ich extrahiere schnell alle Wörter aus dem letzten bayerischen Verfassungsschutzbericht (6343 Stück) und schicke sie ihm. Nach meiner Schätzung wird er die nächsten Wochen hauptsächlich mit Scannen beschäftigt sein ... 
Inzwischen klappt die Verbindung zum Ausredenkalender wieder, und ich schaue nach, was heute dran gewesen wäre: 
"Biologisches Gel-Pack im Netzknoten infiziert" 
Während ich noch überlege, aus welcher StarTrek-Folge dieser Schmarrn stammen könnte, klingelt wieder das Telefon. Diesmal ist es ein lokaler Anruf, aber weil ich schon so in Schwung bin, hebe ich trotzdem ab. 
"Hallo." 
"Hallo? Ich habe ein Problem mit StarOffice. Immer wenn ich eine Graphik exportieren möchte, stürzt das Ding ab. Woran kann das denn liegen?" 
Die korrekte Antwort wäre, daß StarDivision inzwischen Microsoft Office so perfekt abgekupfert hat, daß sogar die gleichen typischen Bugs auftreten. Statt dessen sage ich: 
"Hm, kann mir schon denken, woran das liegt. Haben Sie ein Terminal-Window offen?" 
"Äh ... ja." 
"Tippen Sie mal ein: 'gelpack status'" 
<klickediklackedi> 
"Ähm ... 'gelpack not found', kommt da zurück ..." 
"Dacht' ich's mir doch! In Ihrer Workstation ist auch das Gelpack infiziert. Das ist jetzt schon das ... äh ... dritte heute morgen!" 
"Gelpack?" 
"Ja, klar! Wußten Sie nicht, daß auf den modernen Motherboards der Bus von einer biologischen Einheit gesteuert wird? Die Dinger heißen 'Gelpacks', weil sie mit so einer glibberigen, durchsichtigen Masse gefüllt sind ..." 
"Ach ja, stimmt! Darüber hab' ich schon mal was gelesen ..." 
Schon der zweite Klugscheißer heute morgen! 
"Wahrscheinlich kann das Gelpack Ihre Graphik nicht mehr auf die Platte routen", erkläre ich. "Wenn wir Glück haben, ist es nur eine leichte Infektion ... Schaun wir mal: tippen Sie mal ein: 'Esberitox'!" 
"Häh?" 
Ich buchstabiere es ihm vor, und er tippt es ein. 
"Äh ... 'Esberitox not found' heißt es hier ..." 
"Schlecht!" sage ich bedauernd. "Ganz schlecht. Geben Sie mir mal Ihre Userkennung; dann installiere ich schnell eine neue Version von 'Esberitox' auf Ihrem Rechner ..." 
Er gibt sie mir! Ohne mit der Wimper zu zucken! Anfänger! Und so was studiert an unserem LEERstuhl! Aber nicht mehr lange ... 
<klickediklackedi> 
"Ok, ich bin jetzt auf Ihrer Maschine. Das Gelpack scheint nur leicht infiziert zu sein. Da genügt eine einfache Infusion mit frischem Substrat ... Passen Sie auf: Sie gehen jetzt in die nächste Drogerie und kaufen eine Tube 'Aurora Hair Gel No. 5', das farblose. Haben Sie das?" 
"Äh ... schon, aber ..." 
"Dann schalten Sie den Rechner aus, kippen die Maschine um circa dreißig Grad nach vorne und träufeln die ganze Tube langsam in den Einfüllstutzen direkt über dem Keyboardanschluß. Dann warten Sie zehn Minuten und schalten wieder ein." 
"Aber sind Sie sicher ...?" 
"Ich garantiere Ihnen, danach wird Ihr Rechner nicht mehr derselbe sein! So eine Substrat-Infusion wirkt immer Wunder bei leichten Infektionen ..." 
Er verspricht, alles ordnungsgemäß zu erledigen.
Bevor ich mich wieder Deep Dungeon widme, fülle ich noch schnell ein Meldeformular wegen mutwilliger Hardware-Beschädigung aus. Man muß immer vorbereitet sein. Es könnte ja sein, daß ich das heute noch brauchen werde ...
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